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Bauhaus goes Gegenwart

… ein Gastbeitrag von Tabea Kraus …

Die Gründung des Bauhauses jährt sich 2019 zum hundertsten Mal. Das gibt Anlass zu Jubiläumsfeiern und Sonderausstellungen. Die internationale Expertengruppe „projekt bauhaus“ macht es anders: Sie holt die Ideen des Bauhauses in die Gegenwart, um sie im Licht heutiger Situationen neu zu diskutieren. Jedes Jahr soll eine andere Frage gestellt werden. Dieses Jahr: „Kann Gestaltung Gesellschaft verändern?“ Den Auftakt bildete im September ein Symposium in Berlin. Zwei Tage im Haus der Kulturen der Welt mit internationalen Rednern. Ausgebucht. Was bleibt?

Die Idee ist charmant: anlässlich des hundertjährigen Geburtstages des Bauhauses keine verklärte Rückschau, keine Präsentation von Möbel-Klassikern, sondern eine „kritische Inventur der Bauhausideen“ und eine „experimentelle Suche“. Man kennt das von Silvester oder dem eigenen Geburtstag: Zurückschauen und erinnern, reflektieren und neu ausrichten, träumen und Ziele setzen. Vergangenheit aufarbeiten, um die Zukunft zu gestalten. Gibt es etwas, das wir von Früher lernen können? Sind vergangene Ideen gegenwartstauglich? „projekt bauhaus“ konstatiert: „Wir interessieren uns für das Bauhaus aus der Perspektive der Gegenwart. Uns geht es nicht um die Fetischisierung und Mystifizierung eines Erbes.“

Kann Gestaltung Gesellschaft verändern? Eine große Frage und sehr unterschiedliche Vorträge. Vier Themenschwerpunkte gliedern das Symposium: Mit der Frage „Gestalten wofür?“ sollen Zielvorstellungen einer Veränderung adressiert werden. Es folgen „Gestalten der Aufmerksamkeit“, „Gestaltung des Selbst“ und „Gestaltung von Situationen“. Flankiert wird das Ganze von einer Ausstellung, in der vergangene und aktuelle Konzepte vorgestellt werden – Strategien, Reallabore, Lebensentwürfe und Szenarien.

Gui Bonsiepe bemerkt zurecht, ob die Gestaltung des Symposiums nicht mit einer solch schwergewichtigen Frage überfrachtet wird. Die Antwort hängt freilich davon ab, was mit „Veränderung“ gemeint ist. Bonsiepe hinterfragt in seinem Vortrag auch, warum von Gestaltung gesellschaftliche Veränderung erwartet wird und nicht etwa von Taxifahrern, Zahnärzten und Finanzbeamten. Er selbst liefert drei Gründe: Gestaltung zehrt vom Nimbus der Kreativität, die allerdings oft überschätzt wird. Gestaltung bringt die Dimension der Zukunft ins Spiel. Und Änderung wird implizit als besser angesehen. Bonsiepe ist es auch, der das Bauhaus und dessen Nachwirkungen analytisch untersucht. Er liefert zum Beispiel Antworten darauf, warum das Bauhaus eine solche Anziehungswirkung auch in peripheren Ländern hatte.

Viele Vorträge sind schwere Kost. Das Symposium als Assemblage verschiedenster Beiträge – kontrastreich, teils sperrig und irritierend. Inwiefern hängt die Kritische Theorie der Frankfurter Schule mit den Ideen des Bauhauses zusammen? Nicht alles ist für bildverwöhnte Gestalterköpfe verständlich. Muss auch nicht. Aber es fehlt die designgeschichtliche Einordnung des Bauhaus. Sicher, wer in Designgeschichte nachsitzen muss, hat in Berlin genügend Anlaufstellen – das Bauhaus-Archiv, das Werkbund-Archiv und zur Zeit des Symposiums auch den Hamburger Bahnhof mit seiner Ausstellung über das Black Mountain College. Trotzdem hätte das Bauhaus als Anlass und Aufhänger des Symposiums strukturierter aufgearbeitet werden können. Von welchen Ideen reden wir, wenn wir das Bauhaus nennen? Was haben sich Bauhaus und Gegenwart zu sagen? Wie gehen wir mit dem erzieherischen Anspruch, Geschmacksbildung betreiben zu wollen, heute um? Es verwundert auch, dass die gewachsene Ausdifferenzierung von Kunst, Design und Architektur unangesprochen bleibt. Vielleicht ist es von den Veranstaltern eine gewollte Zumutung, diese drei Bauhaus-Fachrichtungen erneut zusammenzudenken. Städtebau, Architektur, Interfacedesign, Installationskunst – wahrscheinlich sind die Disziplingrenzen längst nicht mehr so scharf, wie sie nach außen markiert werden.

Kann Gestaltung Gesellschaft verändern? Diese Frage oszilliert zwischen Selbstüberschätzung und Skepsis, Reflexion und Vision, Rhetorik und Tatendrang. Vielleicht sagt die Frage viel mehr darüber aus, wie Gestalter denken und handeln, als sich auf den ersten Blick erkennen lässt. Ich könnte mir jedenfalls keinen Mediziner-Kongress vorstellen, der den Titel trägt: „Kann Medizin Krankheiten heilen?“ Eine Frage also – bleischwer und leichtfüßig zugleich – viele Antworten und wahrscheinlich ebenso viele Gegenfragen. Hier eine Auswahl: Kann Gesellschaft Gestaltung verändern? Was kann Gestaltung nicht verändern? Was wollen wir, dass sich verändert? Sollte Gestaltung Gesellschaft verändern? Wie kann Gestaltung Gesellschaft verändern? Welche Rolle hat Gestaltung in einem gesellschaftlichen Veränderungsprozess? Gut, dass bis zum Bauhaus-Jubiläum noch Zeit ist für weitere Symposien.