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Ist Design resilient?

     *** ein Beitrag von Anna Keilbach & Daniel Otto *** mit Fotos von Jonas Heilgeist *** 

Die Polkappen sind in größten Teilen abgeschmolzen. Die Firma United Corporations International installiert daher in den nächsten Jahren ein gigantisches Sonnensegel im erdnahen Orbit, um das endgültige Abschmelzen aufzuhalten. In den nächsten 300 Jahren wird das Sonnensegel durch den Asteroiden-Bergbau von der Ressourcen-Knappheit unabhängig sein, so berichtet der U.C.I. Sprecher auf der Pressekonferenz zum Milliardenprojekt »ExoPatch«. Dennoch wird es keine Kompensationen für die Bevölkerung geben, die sich bereits auf den eisfreien Landmassen Grönlands angesiedelt haben. Diese werden wieder unter Eismassen begraben, wenn sie es nicht schaffen, in anderen Teilen unserer überbevölkerten Welt aufgenommen zu werden.

Diese Dystopie wurde unter anderem innerhalb der Ausstellung »Zukunft überleben. Resilienz und Design« im vergangenen Monat durch das »Kollektiv unumwunden« thematisiert. Die interdisziplinäre Studentengruppe der Hochschule München im Master Advanced Design hat dafür in Kooperation mit dem Bayerischen Forschungsverbund ForChange sechs Projekte zum Thema Resilienz erarbeitet.

Der Begriff Resilienz ist eine Schöpfung des letzten Jahrhunderts und kommt ursprünglich aus der Psychologie – meint aber mehr als bloße Widerstandsfähigkeit. Eine wichtige Fähigkeit ist die Anpassung. In der Natur überlebt nicht der Stärkste, sondern der, der es schafft mit widrigen Umwelteinflüssen umzugehen. Ein anschauliches Beispiel ist unser eigener Körper, der Krankheiten standhält, in der Lage ist Ausnahmesituationen zu entdramatisieren und darüber hinaus lernfähig ist. Resilienz ist in der Ratgeberliteratur und dem öffentlichen Diskurs grundsätzlich positiv belegt. Zu Beginn eines Resilienz-Prozesses steht immer eine negative Krise, die es gilt zum Positiven zu wenden. Durch die Krise gilt es zu lernen und den Wandel als Chance der Erkenntnis und der positiven Entwicklung zu nutzen.

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Das Grundprinzip von Resilienz ist gleichzeitig auch der Knackpunkt. Zum einen besteht ein problematischer Umgang mit dem Resilienz-Begriff. In der Ausstellung behandeln die Dystopie von »ExoPatch« und das Projekt »Sarrox. Krisensichere Westen« diese Problematik. Sie suggerieren scheinbare Lösungen mit Hilfe von Technologien. Dieser Umgang entlarvt ein großes Problem der Menschheit – abzuwarten und auf die eine Technologie zu hoffen, die all unsere Probleme löst. Zum anderen kann der Begriff einer negativen Auslegung zum Opfer fallen: Was passiert wenn das Individuum in einer resilienten Gesellschaft nichts mehr zählt, da nur noch das Überleben des gesamten Systems relevant ist? Diese Fragestellung und die Gefahr der Bildung eines totalitären Systems, thematisiert das Projekt »Soziomorph. Resilienz als Strategie für sozialen Frieden«. Es sieht in der Verbindung unterschiedlichster Kompetenzen und Fähigkeiten, die in unserer Gesellschaft verborgen liegen, Lösungsansätze. Der Designtheoretiker Ezio Manzini beschreibt das mit »Connecting Diversities«. Die Plattform »MehrStadtraum. Urbane Alternativen« greift auf das Beleben ungenutzter Orte zurück. »Bürger einer Stadt müssen ermutigt werden, sich ungenutzte Orte ihrer Stadt anzueignen, um sie in ihr alltägliches Leben einzubinden.«, meint Monnier Ostermair. Dadurch entstehen offene und individuelle Räume, welche vielfältige Nutzungsmöglichkeiten eröffnen und den generationsübergreifenden Austausch der Bürger fördern.

In diesem Kontext richtet sich der Blick plötzlich auf die Designer und wie sie dabei unterstützt werden können, zeitgemäße resiliente Entwürfe zu entwickeln. Das Projekt »Magic Seven. Prinzipien für resiliente Gestaltung« fordert auf umzudenken. Der Fächer bietet sieben Faktoren für den Gestaltungsprozess, die auf Ergebnisse der Resilienzforschung zurückgreifen. Sie sind eine Hilfestellung, um auf Unvorhergesehenes reagieren zu können und sollen für die Arbeit des Gestalters motivierend wirken.

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Hier kommen wir zur einer der viel diskutierten Fragestellung der Designdisziplin. Besitzen wir Designer ebenfalls ausreichend Reaktionspotential, um zukünftig durch unsere Handlungsweisen resiliente Gestaltungsentwürfe hervorzubringen oder sind unsere Vorgehensmuster etwa zu starr? Betrachtet man die Historie der Aufgabenbereiche eines Designers (vgl. Krippendorff, die Trajektorie der Artefaktualität), so zeigt sich das Gegenteil. Trotz der schnellen technologischen Entwicklungen, der Digitalisierung und Globalisierung sind unsere Kompetenzen flexibel genug, um sich neuen Anforderungen zu stellen. Das Berufsbild des Designers steht im ständigen Spannungsfeld – als Gestalter der schönen Dinge und als Gestalter, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht – wie Prof. Matthias Edler-Golla in der abschließenden Podiumsdiskussion der Ausstellung auch in Hinblick auf die sich wandelnde Designausbildung beschreibt. 

Es ist beeindruckend, dass unser Handwerk (die Denk- und Handlungsweisen) im groben die gleichen geblieben sind. Durch die kontinuierliche Veränderung des Blickwinkels schaffen wir es neue Perspektiven aufzugreifen und durch ständiges Hinterfragen und iterierendes Vorgehen innovative Lösungsansätze zu schaffen. Ist Design und die damit verbundene Kreativität ein resilientes Werkzeug? Schon lange verstehen sich viele Designer/innen nicht mehr als bloße »Hübschmacher«. Der erweiterte Funktionalismus-Begriff, Entwicklungen wie Social Design, Human Centered Design und die Designforschung sind Werkzeuge einer sich im stetigen Wandel befindende Designdisziplin.

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»Kollektiv unumwunden« präsentierte auch auf der Jahrestagung der dgtf »REFLECT RESEARCH« am 18. und 19. November 2016 in Dessau die geschilderte Zusammenarbeit in einem kurzen Pecha Kucha Vortrag, der ganz bald auch online zur Verfügung steht.