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By Design or Disaster 2016: What was the doing doing?

*** ein Gastbeitrag von Kris Krois***

Vom 2. Mai bis 7. Mai fand die Konferenz „By Design or by Disaster 2016“ (DoD16) an der Freien Universität Bozen-Bolzano statt. Das zentrale Anliegen der Konferenz-Reihe benennt auch schon der Titel: “Mit Design und Kommunikation zur Verwirklichung positiver öko-sozialer Entwicklungen beitragen.” Ich habe diese Reihe 2013 gestartet, um die Entwicklung des MA Eco-Social Design zu befruchten. Die diesjährige Konferenz konnte ich zum ersten Mal zusammen mit Studierenden und Lehrenden des Masters organisieren, da dieser im Oktober 2015 gestartet ist. Im Folgenden möchte ich einige wichtige Fragmente und Fragen der reichhaltigen Vorträge, einwöchigen Workshops, des runden Tisches und des World Cafe’s teilen.

DoD16_round-table

Kritische Blicke: Christa Müller, Massimo De Angelis, Dagmar Diesner, Ezio Manzini, Kris Krois (v.l.n.r.)

Into the doing!

Fokus 1 der Ausgabe 2016 von By Design or by Disaster lautete: Into the doing! In diesem Sinne gab es einen praxisorientierten Workshop, den Sven Stegemann und Jannis Apfelbaum von Open State/POC21 leiteten. Es ging darum einen Gemeinschaftsgarten an der Uni Bozen zu gestalten. Was sich einigermaßen einfach anhört, war herausfordernd durch mehrere Faktoren: einige der Teilnehmer*innen hatten bereits Monate zuvor Initiativen für einen Gemeinschaftsgarten gestartet. Andere kamen neu dazu. Von der Uni und von außerhalb. Von der Uni haben Lehrende und Studierende verschiedener Bereiche teilgenommen (Agrarwissenschaften, Informatik, Ingenieurwissenschaften, Design, Soziale Arbeit) – mit Recht verschiedenen Vorstellungen und Ambitionen.

Design für kollektives Handeln – ein Gemeinschaftsgarten wird sichtbar.

Design für kollektives Handeln – ein Gemeinschaftsgarten wird sichtbar.

Anstatt also gleich Beete zu bauen und zu gärtnern wurde an einer gemeinsamen Vision gezimmert. Organisation und Praktiken wurden ebenso gestaltet wie Instrumente zur internen Kommunikation, ein Marke und Strategien zur Verstetigung. Denn im Gegensatz zu den meisten Design-Projekten ist ein Garten ein langfristiges Unterfangen, das stetige Pflege braucht. All dies in einer nicht-hierarchischen und heterogenen Gruppe zu diskutieren, Entscheidungen zu treffen und zu gestalten, entpuppte sich als gleichermaßen schwierige wie anregende Aufgabe, die auch Dank der virtuosen und engagierten Leitung von Sven und Jannis geglückt ist. Die beiden schöpften hierzu aus ihrem reichen Methoden-Potpourri – aus Design Thinking, Occuppy-Entscheidungsprozessen, Moderation, Facilitation, etc. Als Lehrender und Organisator eines Studienganges konnte ich meine Sensibilität für Gruppendynamik schärfen und effektive Praktiken für kollaborative Prozesse lernen. Am Ende war eine Gemeinschaft entstanden, Instrumente und Strukturen geplant, und ein Modell des Gartens gebaut. Wie erfolgreich die Saat nun aufgeht und gedeiht wird sich zeigen (und bei DoD17 zu sehen sein). Erst dann werden wir die Wirkung verstehen können. Eine positive Wirkung ist sofort spürbar: Student*innen von Fakultäten recht getrennter Planeten arbeiten nun „interplanetar“ zusammen.

Das Garten-Jahr ist rund und wechselt nicht die Richtung

Das Garten-Jahr ist rund und wechselt nicht die Richtung

What is the doing doing?

Das war der zweite Fokus der Konferenz: Der Versuch die Wirkung öko-sozialer Gestaltung und Initiativen zu verstehen. In den Vorträgen und im “Round Table” wurden vielversprechende Praktiken und Projekte gezeigt und diskutiert.  Für das “Into the doing” war das sehr inspirierend. Doch die Frage “What is the doing doing?” wurde nicht befriedigend beantwortet. Ich denke, dazu müssten wir Leute einladen, deren Job das Verstehen von Wirkungen ist (von Kampagnen, Branding, PR, politischer Kommunikation, Interfaces, etc.). Nicht umsonst wird im “Business”, z.B. in Werbeagenturen diese Aufgabe nicht von den sogenannten “Kreativen” erledigt, sondern von spezialisierten Dienstleistern.  Diese würde ich gerne in eine Diskussion mit öko-sozial und politisch engagierten Designer*innen, Aktivsit*innen und Wissenschaftler*innen bringen. Vielleicht bei unserer nächsten Konferenz (voraussichtlich im März 2017). Wer wären Expert*innen die dazu geeignet wären? Vorschläge dazu sind willkommen!

Sven Stegemann und Jannis Apfelbaum von OPEN STATE

Sven Stegemann und Jannis Apfelbaum von OPEN STATE

Collective Design – diversity, not monocultures

Ein verstecktes Thema zog sich durch viele Vorträge, Dialoge und den Workshop: collective design and design for collective action – fostering diversity, not monocultures (das könnte auch das kommende Jahresthema unseres MA Eco-Social Design werden). Enzo Manzini ging es in seinem eloquenten Vortrag “Connecting diversities: displacement, social innovation and design” darum, Zusammenleben und -arbeiten zwischen sehr verschiedenen Menschen zu ermöglichen, auch mit den Mitteln von Design für soziale Innovation. Die Soziologin Christa Müller präsentierte in ihrem Vortrag “What is the doing doing to urban activists and their surroundings?” ein Panorama vielfältiger Initiativen rund um DIY / commons / open source – Bereiche in denen das kollektive Gestalten wesentlich ist. Wie das Zusammenwirken verschiedenster Expert*innen, Designer*innen und anderer  Menschen funktionieren kann, zeigten OPEN STATE anhand der Erfahrungen aus dem Workshop, aus dem “Weltverbesserer-Maker-Camp” POC21 und aus aktuellen Projekten des Kollektivs, das gerade dabei ist die passende Organisationsform für sich zu (er)finden (auch rechtlich). Dagmar Diesner stellte die Arbeit von Montagna Viva vor, einer Gemeinschaft von Bauern und Bürgern in der Nähe von Modena – im Kontext der Bewegung Geniuno Clandestino, die sich um selbstbestimmte Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung kümmert, und hierfür Strukturen aufbaut, die sich überraschend schnell in Italien verbreiten. Ein lebendiges Beispiel für die Skalierung von unten. Im Anschluss erweiterte der Politikwissenschaftler Massimo De Angelis die Sicht auf Gemeinwesen und Gemeingut (historisch und politisch).

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Jannis von Open State und Kuno Prey

Und wo ist das Design?

Marguerite Kahrl stellte ihre faszinierende Arbeit vor, die sich zwischen Kunst, Skulptur und Social Interaction Design abspielt und akute öko-soziale Probleme packend und partizipativ angeht. Besonders beeindruckte ihre Arbeit mit Con MOI, einer Gruppe von italienischen und immigrierten Bürger*innen. Sehr stark war dabei auch die ästhetische Erfahrung und konkret gestalterische Komponente, mit der Marguerite es geschafft hat einen wirklich intensiver Austausch und eine Gemeinschaft sehr unterschiedlicher Menschen anzuregen. Sie war die Einzige unter den Vortragende, die eine eigene Design-Arbeit im engeren Sinne gezeigt hat. Wie Ästhetik und die konkrete Gestaltung von Artefakten öko-sozialen Entwicklungen zuträglich sein kann, würde ich in zukünftigen Konferenzen gerne stärker zeigen und diskutieren. Einiges davon war im Vortrag von Alastair Fuad-Luke, unserem neuen Professor für Design Research, zu sehen und zu hören, unter dem suggestiven Titel: “Dissonant design: positive disruptions, transitions and hope!”. Wobei er weniger Design-Qualitäten von Artefakten und deren Wirkung thematisierte als vielmehr Strategien und Ebenen der Wirkung von Projekten. Dabei machte er auch klar, wie wenig positive öko-soziale Entwicklung in den letzten Jahrzehnten tatsächlich geschafft wurde, trotz all der vorbildlichen Projekte und Praktiken, der er zeigen konnte. Von daher steht am Ende auch die Frage nach der Verbreitung und der Skalierung solcher Vorhaben. Mehr dazu auf der nächsten By Design or by Disaster Konferenz im März 2017. Ideen und Empfehlungen hierzu sind herzlich willkommen: designdisaster@unibz.it

Ada und Felicitas von Lampele lieferten die Grundlagen: gutes Essen

Ada und Felicitas von Lampele lieferten die Grundlagen: gutes Essen

Eines möchte ich nächstes mal auf jeden Fall anders organisieren: je ein halber Tag intellektuelles Intensivprogramm ist genug. Die anderen Hälften werden wir nutzen um zu wandern und zu speisen, und so alle Sinne und den Körper mit ins Spiel zu bringen – und gleichzeitig wunderbare Gelegenheiten für entspannten Austausch zu schaffen.

3 Fragen zu öko-sozialem Design

Im Rahmen der Konferenz starteten wir eine kurze anonyme Umfrage zu öko-sozialem Design. Mit dieser Umfrage möchten wir Reflexionen von Teilnehmern sammeln und die Diskussion auch für jene öffnen, die nicht dabei sein konnten:

PS: Bewerbungsschluss für den MA Eco-Social Design ist am 21. Juli 2016.

Fotos: designdisaster.unibz.it | Stefania Zanetti