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Redesigning Society: Design für Nicht-Designer beim Transform Magazin

*** ein Gastbeitrag von Hans Rusinek***

Wir beim Transform Magazin sind keine DesignerInnen. Zumindest nicht, wenn man Design als formgebende Gestaltung von Produkten versteht. Wir wollen Anstöße für einen gesellschaftlichen Wandel geben. Dafür schreiben wir als Kollektiv ein Magazin. Folgt man Steve Jobs Credo “Design is not (just) what it looks like. Design is how it works” dann sind wir aber irgendwie doch DesignerInnen (auch wenn wir Apple-Weisheiten eher kritisch gegenüberstehen). Wir wollen dazu beitragen die Gesellschaft achtsamer, genussvoller und besser zu… nun ja designen. Dafür verzichten wir auf Werbung und schreiben lösungsorientiert. Unsere erste Ausgabe mit dem Thema Arbeit – ”Wir schmeißen hin” hatte eine branchenüberdurchschnittliche Auflage von 4000 Magazinen. Genau wie unsere neue Ausgabe zum Thema “Empathie – da wo’s wehtut” mit noch einmal höherer Auflage bieten wir sie bundesweit an Bahnhöfen und online an. Wie jedes Design-Kollektiv, das etwas auf sich hält, könnten wir jetzt also auch unsere Design-Grundsätze publik machen. Die Version als Coffee-Table Book kommt später.

Design ist emanzipativ

Wenn Du einen Tisch designst, fragst Du dich, was einen Tisch überhaupt ausmacht und was er bieten soll. Du fragst Dich nicht, ob es überhaupt möglich ist einen Tisch zu gestalten. Für uns auf gesellschaftliche Themen bezogen heißt eine Design-Perspektive also erstmal zu erkennen, dass man Zustände aus dem Stehenden in eine Bewegung bringen kann. Eine Designperspektive auf gesellschaftliche Themen heißt somit für sich einen Beleuchtungswechsel vorzunehmen und die Dinge dann als gestaltbar wahrzunehmen. Oder um Kennedys Diktum umzudrehen: Frage nicht, was du für deine Gesellschaft sein kannst, frage, wie die Gesellschaft für dich sein kann.

Design ist Utopie

Deshalb ist eine Designperspektive auf politische und gesellschaftliche Themen erst einmal unglaublich befreiend. Es bedeutet nicht wie ein Untertan zu denken, sondern wie eine MitgestalterIn. Wir fragen uns, wie wir wieder HerrIn über die eigene Zeit werden oder wie man mehr Zufälligkeit in das eigene Leben bringen kann. Hierbei glauben wir, dass transformatives Design weder nur das Bepflanzen von alten Schuhen noch der Bau von Palettenmöbeln ist, aber auch mehr als nur das große Ganze eines Gesellschaftlichen Umbaus.

Design ist partizipativ

Wie eine gute DesignerIn schauen wir natürlich nicht durch unsere Vintage-Brillen auf die Welt, sondern verstehen uns mehr als partizipative Plattform.

Design ist für uns “Wir” in der Ich-Welt von Iphones und -Pads. So wollen wir zwar Anstöße geben aber dabei so weit wie möglich darauf verzichten eine Richtung vorzuschreiben. Denn dazu stellen wir lieber andere Menschen vor, die ihr Leben, ihr Umfeld oder die Gesellschaft verändern – und zwar zum Besseren. Menschen, die ein gutes Leben führen, das sie lieben und LeserInnen inspiriert. Um dies wirklich zu schaffen, brauchen wir dann natürlich auch Unabhängigkeit.

Design is user-centric:

Ein Kernstück unseres Ansatzes ist es, werbefrei zu sein. Nur so bieten wir das obengenannte partizipative Design, welches auch nur ohne Werbung wirklich unabhängig ist. Werbefrei sind wir aber auch um “user-centric” zu sein. Wir fragen uns: Was würde die Persona “Transform-LeserIn” wollen? Definitiv nicht noch mehr Werbung. Stattdessen können sich LeserInnen im Crowdfunding Prozess beteiligen. Wir legen Wert auf Dialog mit den LeserInnen, die dadurch zu MitschreiberInnen werden. Dafür haben wir in jeder Ausgabe eine Blattkritik einer besonders kritischen LeserIn schon abgedruckt. Wir versuchen die Grenze zwischen Creator and Consumer aufzubrechen und laden jeden ein sich auch im Magazin einzubringen. Der Übergang vom LeserIn zu AutorIn ist daher ein fließender. Der inhaltliche Fokus liegt dabei auf Lösungen. Am Ende sehen wir uns, ähnlich wie DesignerInnen, als BereitstellerInnen von Tools. Dafür haben wir die User im Prozess beteiligt.

Design fordert aber auch heraus.

User-centricity heißt aber nicht kuschelige Gemütlichkeitswelt. Wenn ich an Design und Design Thinking im Besonderen denke fällt mir immer dieses merkwürdige Zitat von Henry Ford ein: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“ Für uns heißt das: Nicht drucken, was gelesen werden will, sondern, was sich bestenfalls im Nachhinein als transformativ herausstellt. Ein feiner Unterschied. Bei unseren Themen nutzen wir dafür einen iterativen Designprozess d.h. wir wissen am Anfang ohnehin nicht, wohin die Reise geht. In einem Interview mit einem Flüchtling, kann es vorkommen, dass das Thema am Ende wider Erwarten Richtung Antisemitismus geht. Das kann so überraschend und anstrengend sein, wie die Realität eben ist. Wir versuchen also user-centric in einem herausfordernden Sinne zu sein und damit auch den User auf einem Weg mitzunehmen. Wie ein klassisches Designerstück biedern wir uns nicht an, sondern erwarten vom User auch etwas zurück, selbstbewusst wie ein Eames Chair. In unserer aktuellen Ausgabe stellen wir uns beispielsweise dem Thema Empathie und der Frage, wie man mit Rechts reden kann.

Als ich am Hasso Plattner Institut Design Thinking studierte, war ich als Ökonom noch ein Exot. Schaut man sich heute in der Szene um, könnte man meinen es seien Jahrzehnte vergangen. Der Design-Begriff öffnet sich für die Gesellschaft. Die Gesellschaft öffnet sich für den Design-Begriff. Wenn wir über das gute Leben nachdenken, hilft es uns sehr wie eine DesignerIn an die Sache heranzugehen. Übrigens kommt Design von designare (lat. entwerfen) und Transform von transformare (lat. umformen). Keine Transformation also ohne Design, könnte man meinen.

In diesem Sinne: Auf Gute Zusammenarbeit,
Euer Transform Magazin