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SAP SCENES – Tool und Methode zum kollaborativen Geschichten erzählen

Interview mit Karen Detken vom Design and Co-Innovation Center bei SAP. 

Karen ist User Experience Designerin im Design and Co-Innovation Center von SAP. Im letzten Oktober hat sie das Toolset SCENES für die kollaborative Entwicklung von UX-Szenarien herausgegeben. Im folgenden Interview berichtet sie, worum es sich dabei genau handelt und wie man es im Designprozess nutzen kann.

Moritz: Wie kam es zu der Idee für SCENES?

Karen: Die Ursprungsidee für SCENES hatte ich schon vor einiger Zeit. Das fing mit einem Design Thinking-Workshop an. Ich konnte immer wieder beobachten, dass viele Menschen Probleme dabei haben, ihre Ideen visuell zu präsentieren. Manche Teilnehmer mit wirklich guten zeichnerischen Fähigkeiten machen das toll und andere fühlen sich dadurch eingeschüchtert. Zum Beispiel gab es in einem Workshop einen Teilnehmer, der in einer Präsentation des Moderators ein Storyboard sah und sagte: „Oh, so etwas könnte ich ja nie präsentieren!“. Auf diese Weise gehen meiner Meinung nach viele Ideen verloren – nur, weil die Teilnehmer denken, sie könnten ihre Ideen nicht richtig visualisieren. Ich fand das nicht fair und habe daher SCENES entwickelt.

Moritz: SCENES hilft also dabei, Ideen zu visualisieren?

Karen: Ja, das ist genau die Idee. SCENES beinhaltet Illustrationen, die einfach genutzt werden können, um visuelle Geschichten zusammenbauen zu können. Die Illustrationen sind nach verschiedenen Kategorien sortiert. Es gibt zum Beispiel Figuren, Sprechblasen, Gebäude, technische Geräte, Büromöbel, Hintergründe usw. Jede Kategorie beinhaltet verschiedene Illustrationen, die man auswählen kann, so dass man genug Basiselemente hat, um eine Bildergeschichte zu bauen.

Moritz: Und wie kann ich SCENES dann für meine eigenen Geschichten nutzen?

Karen: Die SCENES-Elemente können genutzt werden, um physische oder digitale Storyboards zu entwickeln – je nachdem, in welcher Phase eines Projektes man sich befindet. In Workshops oder Alignement Sessions ist verschiedenen Teilnehmern ist es besonders hilfreich, physische Storyboards gemeinsam zu erstellen. Das geschieht, indem man die Illustrationen auf einer horizontalen Oberfläche aufstellt. Jede Fläche wird so zu einer Leinwand, um eine Szene in einem Storyboard zu gestalten. Ganz ähnlich wie die einzelnen Kästchen in einem Comic. Jedes Storyboard beinhaltet zwei oder mehrere dieser Szenen. Die Nutzer von SCENES können die Elemente ganz frei anordnen, allerdings besteht eine Szene meist aus einer Hintergrundebene, auf der das Setting dargestellt ist, und einer vorderen Ebene mit den kleineren Elementen wie zum Beispiel den Figuren und Requisiten. Jedes Element gibt es mehrfach, so dass es in mehreren Szenen gleichzeitig vorkommen kann. Dieses Vorgehen erlaubt jedem Teilnehmer um die Elemente herumzugehen, sie anzufassen, zu versetzen und so viel leichter zu diskutieren wie die Geschichte sich entwickeln soll.

Moritz: Das könnte man ja aber auch beispielsweise mit LEGO®-Männchen machen, oder?

Karen: Ja, aber die Elemente von SCENES haben darüber hinaus Bereiche, die von den Nutzern einfach angepasst und verändert werden können. Man kann ja auf die Oberfläche schreiben oder malen. Zum Beispiel haben die Figuren im Originalzustand nur Augen. Durch einfach Striche kann man Emotionen in den Gesichtern kommunizieren, indem man Augenbrauen, ein Lächeln oder einen traurigen Mund dazu malt. Auch die Bildschirme eines SCENESComputers oder -Handys sind leer, damit man dort erste Skizzen zukünftiger Interfaces einzeichnen kann. Wenn man bereits in einem frühen Stadium erste Highlights der Interface einzeichnet, kann man später bereits die wichtigsten Requirements für eine Software ablesen. Wir haben aber versucht, eine gute Balance zwischen Bereichen, die anpassbar sind und veränderbaren Bereichen zu finden.

Moritz: Du arbeitest ja bei SAP im Design and Co-Innovation Center. Wie verwendet Ihr SCENES in Eurer Arbeit?

Karen: Wir haben SCENES im Oktober letzten Jahres heraus gebracht und seitdem haben wir es in verschiedenen Design Thinking-Workshops mit Kunden verwendet. Üblicherweise nutzen wir es am Anfang von Projekten zur Co-Creation mit den Kunden, um die Szenarien und use cases richtig zu verstehen. Wir haben es zum Beispiel in einem Projekt mit der Stadt Heidelberg verwendet, um gemeinsam Service Design-Konzepte für Menschen über neunzig zu entwickeln und die Mitarbeiter des Heidelberger Sozialamts haben die Storyboards für diese Services mit SCENES erstellt. Während wir in diesem Projekt die physischen SCENES-Elemente verwendet haben, nutzen manche Kollegen von mir auch nur die digitalen SCENES Dateien und entwickeln mittels InDesign oder Powerpoint ihre Storyboards. Es freut mich besonders, dass auch Externe schon mit SCENES gearbeitet haben. Zum Beispiel hat ein bekanntes soziales Netzwerk in einem internen Co-Creation Projekt mit Nutzern damit gearbeitet und an der Universität in Budapest haben sie SCENES verwendet, um mit Studenten Szenarien zu entwickeln.

Moritz: Was habt Ihr in diesen Projekten über die Nutzung von SCENES gelernt?

Karen: Wie wir immer wieder in diesen Projekten sehen und auch von anderen Nutzern gehört haben, hilft SCENES dabei, sich nicht an Details fest zu beißen, sondern stattdessen auf einer höheren Ebene den Kontext und die gesamte Experience zu betrachten. Es hat mich sehr gefreut, das zu hören. Der zweite Vorteil ist das es den Menschen erlaubt, ohne die notwendigen zeichnerischen Fähigkeiten visuell Geschichten erzählen zu können und so schnell von anderen Feedback zu erhalten. Selbst sehr schüchterne Menschen, denen unwohl bei dem Gedanken ist, zeichnen zu müssen, fühlen sich plötzlich frei, ihre Gedanken visuell darzustellen. Sie können einfach loslegen und Spaß damit haben.

Moritz: Gibt es auch negative Erfahrungen?

Karen: Natürlich sagen uns auch einige, dass der Prozess das Set herzustellen, noch zu aufwändig sei. Momentan kann man es ja kostenlos herunterladen, aber dann muss man eben die Elemente auch selbst ausschneiden und dieser Prozess ist noch etwas mühsam. Daran arbeiten wir aber momentan. Längerfristig hätten wir gerne eine Community, in der sich verschiedene Leute austauschen und vielleicht auch verschiedene neue Elemente mit einander teilen. Aber so weit sind wir noch nicht.

Moritz: Wer den Aufwand nicht scheut, kann sich SCENES einfach herunterladen und zusammenbasteln?

Karen: SCENES wurde unter Creative Commons publiziert, so dass die Leute es für ihre Workshops nutzen können, solange sie die korrekten Quellenangaben verwenden. Sie dürfen lediglich die gezeichneten Elemente nicht weiterverkaufen.

Moritz: Wie passt SCENES eigentlich in die Gesamtstrategie von SAP oder beziehungsweise von Deinem Team?

Karen: Das ist ganz lustig! Wenn wir SCENES in unseren Projekten oder Workshops verwenden, glauben uns die Leute oft nicht, dass es tatsächlich von SAP kommt. Aber es ist letzten Endes ein Tool und eine Methode, um Szenarien zu visualisieren und das ermöglicht cocreation mit anderen. Das ist genau das, was wir beim DCC tun wollen: wir versuchen die Wahrnehmung von SAP als designorientierte Firma zu stärken, unsere Designkultur zu skalieren und sie auch anderen Organisationen zur Verfügung zu stellen. Und ich glaube SCENES passt genau zu dieser Aufgabe unseres Teams, da es den Mitarbeitern dabei hilft, von der typischen Liste mit Requirements zu Szenarien und Geschichten zu kommen.

SCENES kann hier von unserer Seite herunter geladen werden. Dort kann man auch die Geschichte über das Projekt mit der Stadt Heidelberg nachlesen. Außerdem kann man in diesem Blogbeitrag noch etwas mehr über die Anwendung von SCENES erfahren. Bei Interesse kann man sich auch direkt an karen.detken@sap.com wenden.

Das Interview führte d:t Experte Moritz Gekeler, merci!