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Die Rolle des Ingenieurs im Designprozess

*** ein Gastbeitrag von Josef Kril *** 

Im Oktober 2015 nahm der kooperative Studiengang „Internet der Dinge“ der Hochschule Aalen und der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd seinen Betrieb auf. Neben der konzeptionellen Mitarbeit am Studiengang wurde ich zudem von der HfG Schwäbisch Gmünd beauftragt ein Konzept für die Lehrveranstaltung „Design Grundlagen“ für das erste Semester der Hochschule Aalen zu entwickeln und zu halten.

Der Themenkomplex „Internet der Dinge“ auch „Internet of Things“ oder kurz IoT genannt, schafft ideale Voraussetzungen, um die Rolle des Ingenieurs in den Prozessen des Designs neu auszuhandeln. Denn auch das Berufsbild des Designers verändert sich in diesem Kontext erheblich: Das Verständnis von Design als Interface-Disziplin – also der Vermittlung zwischen Mensch und Ding – erweitert sich um die automatisierte Kommunikation und Interaktion zwischen den Dingen selbst. Es entstehen nicht unbedingt neue Produktkategorien, sondern vielmehr Dinge mit neuen Eigenschaften und Charakteristiken, etwa im Sinne der Aktanten von Latours Akteur-Netzwerk-Theorie (vgl. Latour 2007). Somit werden neue Erfahrungen möglich, während man beginnt seine Rolle als „User“ sukzessiv den Dingen zu überlassen. Das Verschwinden der sichtbaren, gestaltbaren Einheiten stellt daher neue Anforderungen an das Berufsbild dieser Disziplinen. Sowohl Bedienkonzepte als auch die visuelle Repräsentanz der aggregierten Datenmengen werden zukünftig nur noch eine nebensächliche Rolle einnehmen.

Das Ingenieure längst nicht mehr bloß die technischen Realisierer am Ende des Designprozesses sind, sehen wir bereits seit einigen Jahren in Unternehmen wie Bosch, Siemens oder der Telekom, die Positionen wie Design Thinking Coaches, Usability Engineers und Experience Manager besetzen. So werden Ingenieure von Beginn an in den Designprozess eingebunden. Voraussichtlich werden sich durch das IoT auch berufliche Qualifikationen weiter verändern, wodurch neue Berufe entstehen und andere völlig obsolet werden.

Geht es im IoT also insbesondere um die neuen Szenarien, Services und Möglichkeitsräume, die eine Vernetzung bestehender, alltäglicher Dinge mittels Sensoren, Tags und Microchips hervorbringen, so bedarf es vor allem einer grundlegenden Sensibilisierung für die menschlichen Bedürfnisse und Akzeptanz in diesem Prozess.

Um die Studierenden dazu zu befähigen mögliche Methoden und Prozesse eigenständig für einem bestimmten Kontext zu entwickeln, gab ich ihnen das APS-Schema (Analyse, Projektion, Synthese) von Wolfgang Jonas an die Hand (Chow; Jonas 2011).

Dieses Schema lässt Raum Arbeitsschritte und Prozesse für den jeweiligen Kontext zu erproben oder selbst zu entwickeln und es forciert darüber hinaus eine Auseinandersetzung mit Methoden und Betrachtungsweisen anderer Disziplinen.

Wir begannen mit einer Selbstreflexion der eigenen Datennutzung mittels eintägiger Protokolle, die die initiale Grundlage des weiteren Diskurses darstellen sollten. Durch das eigenständige Identifizieren gesellschaftlich relevanter Themen und Problemen und deren Kategorisierung in gemeinsamen Workshops vertieften wir die gewählten Schwerpunkte. So präsentierten die acht Teams, die von den 39 Studierenden gebildet wurden, wöchentlich ihre Arbeitsschritte und gestalteten somit ihre Lehrveranstaltung selbst.

Das übergeordnete Ziel der Veranstaltung war es, die eigenverantwortliche Projektarbeit und ein Bewusstsein für forschendes Arbeiten und Lernen zu vermitteln. Dieser qualitative, nutzerzentrierte Ansatz soll den angehenden Ingenieuren dabei helfen, ein inter- wie transdisziplinäres Verständnis für die Bedürfnisse, Relevanzen und Bedingungen der Verwendung und Entwicklung neuer Technologien zu entwickeln. Der wöchentliche Diskurs sollte die Studierenden dazu anhalten, sich auch kritisch mit den Vorhaben der Datenhändler und Gadget-Produzenten auseinander zu setzen.

Zum Ende des ersten Semesters sind alle acht Gruppen soweit mit ihren Projekten gekommen, dass wir bereits eine eigene Semesterausstellung bespielen konnten. Da sich die Ergebnisse von technischen Prototypen, über reine qualitative Ergebnisse zur Akzeptanz von Assistenzsystemen, bis hin zu einem Consulting-Konzept zur Beratung in IoT-Projekten erstreckten und die Sichtbarkeit der Ergebnisse sich dem Diskurs hinten anstellen musste, war das Format vor allem als öffentlicher Vortrag und Diskussion zu den Projektarbeiten angelegt.

So präsentierten die Studierenden im gut besuchten Foyer des Forum „Gold und Silber“ in Schwäbisch Gmünd ihre Projektarbeiten und stellten sich den kritischen Fragen der Öffentlichkeit. Für beide Seiten war es der Anfang eines fruchtbaren Diskurses über die zunehmende Digitalisierung – die letztlich viele Fragen unbeantwortet lässt, aber genau deshalb soviel Potenzial birgt. Der Transfer des designerischen Denkens in den Ingenieurs-Studiengang hat in einem relativ kurzen Zeitraum positive Synergien hervorgebracht, die weit über den Erwartungen der Studierenden, der Professoren und mir selbst lagen. So haben sich aus den Projektteams bereits Ansätze von Start-ups formiert, von denen wir in den kommenden Semestern sicherlich noch mehr zu sehen bekommen werden.

Eine weiterführende Literatur wäre:
Latour, Bruno (2007): Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Frankfurt: Suhr-Kamp

Chow, Rosan; Jonas, Wolfgang (2011): http://www.design-research-lab.org/wp-content/uploads/2011/08/MAPS_Theoretical_Underpinnings1.pdf